Poliscan Speed: Wann rechtfertigen Messfehler einen Einspruch?

Die stationären und mobilen Poliscan-Speed-Blitzer setzen moderne LiDAR-Technologie ein. Erfahren Sie jetzt, wie die Messung funktioniert und welche Messfehler einen Einspruch ermöglichen.

Akt. am: 15.12.2025, 08:45 Redaktion
Platzhalter Bild für PoliScan Speed
Das Messgerät PoliScan Speed von Vitronic im Einsatz.

Der PoliScan Speed Blitzer: Moderne Überwachungstechnologie

Der PoliScan Speed, entwickelt vom Hersteller Vitronic, ist eines der am weitesten verbreiteten Messgeräte zur Geschwindigkeits- und Rotlichtüberwachung in Deutschland. Bekannt ist er vor allem durch seine markante, oft säulenartige Bauform ("Blitzersäule"), die man an vielen Bundesstraßen und Autobahnen findet.

Doch der PoliScan Speed ist nicht nur stationär im Einsatz, sondern auch in mobilen Varianten – etwa in Fahrzeugen, als "Enforcement Trailer" oder auf Stativen. Was diesen Blitzer technologisch abhebt, ist das LiDAR-Prinzip (Light Detection and Ranging). Anders als klassische Radaranlagen nutzt er Laserimpulse, um eine präzise 3D-Erfassung mehrerer Fahrzeuge gleichzeitig – auch über mehrere Fahrspuren hinweg – zu ermöglichen.

Funktionsweise: Präzise Messung mit LiDAR-Technologie

Das Herzstück des PoliScan Speed ist die LiDAR-Technologie. Anstatt wie ältere Geräte Radarwellen auszusenden, sendet der PoliScan unsichtbare Laserpulse aus, die den gesamten Messbereich fächerförmig abtasten.

So funktioniert die LiDAR-Messung im Detail:

  • Laserpulse: Das Gerät sendet kontinuierlich tausende Lichtimpulse pro Sekunde aus.
  • Reflexion: Treffen diese Pulse auf ein Fahrzeug, werden sie reflektiert und vom Sensor wieder empfangen.
  • Weg-Zeit-Messung: Durch die hochpräzise Messung der Laufzeit der Laserpulse (Time-of-Flight) kann das System die Position und Geschwindigkeit jedes einzelnen Fahrzeugs im Erfassungsbereich errechnen.
  • Mehrspurfähigkeit: Diese "Fächer-Technik" ermöglicht es, gleichzeitig die Geschwindigkeit von Fahrzeugen auf mehreren Fahrspuren zu messen, ohne dass Induktionsschleifen im Boden nötig sind.
  • Dokumentation: Bei einem Verstoß wird automatisch ein hochauflösendes Digitalfoto erstellt. Ein Auswerterahmen im Bild markiert das gemessene Fahrzeug, um die Zuordnung sicherzustellen.
RA Andreas Junge

Zweifel am PoliScan?

„Trotz High-Tech: Der PoliScan Speed ist nicht unfehlbar. Gerade bei der Zuordnung des Auswerterahmens im dichten Verkehr sehe ich in meinen Akten immer wieder Fehlerpotenzial.“
– RA Andreas Junge, Experte für Verkehrsrecht

Vielseitige Einsatzbereiche

Der PoliScan Speed ist aufgrund seiner flexiblen Bauweise das "Schweizer Taschenmesser" der Verkehrsüberwachung:

  • Stationär (Säule): Die klassische graue Säule mit den schwarzen Ringen. Oft an Kreuzungen für kombinierte Rotlicht- und Tempokontrollen.
  • Semi-stationär (Enforcement Trailer): Der gepanzerte Anhänger ("Blitzer-Anhänger"), der autark am Autobahnrand steht.
  • Mobil: Auf Stativen ("Dreibein") oder aus dem Kofferraum eines Messfahrzeugs heraus.

Messfehler: Wann lohnt sich ein Einspruch?

Trotz der PTB-Zulassung als "standardisiertes Messverfahren" sind Messfehler nicht ausgeschlossen. Typische Angriffspunkte bei PoliScan-Messungen sind:

  • Zuordnungsprobleme: Befinden sich mehrere Fahrzeuge im Erfassungsbereich (z.B. beim Überholen), kann der Auswerterahmen falsch gesetzt sein.
  • Aufbaufehler: Bei mobilen Messungen muss das Gerät exakt nach Herstellerangaben ausgerichtet sein (Winkel zur Fahrbahn).
  • Eichfehler: Ist die Eichung abgelaufen, sind die Messdaten oft nicht verwertbar.
  • Software-Updates: Veraltete Softwareversionen können bekannte Bugs enthalten.

PTB-Stellungnahme und "Aachen-Urteil"

Im Jahr 2012 sorgte ein Urteil des AG Aachen für Aufruhr, das PoliScan-Messungen als "unverwertbar" einstufte. Die Physikalisch-Technische Bundesanstalt (PTB) trat dem jedoch entschieden entgegen und veröffentlichte eine Richtigstellung.

Kernaussage der PTB: Die Messgenauigkeit ist durch über 20.000 Einzeltests bestätigt. Der oft zitierte "Smear-Effekt" auf Fotos sei für die Messung irrelevant, da er nur optischer Natur ist. Auch die Behauptung, das Gerät sei eine "Black Box", wies die PTB zurück: Alle relevanten Falldaten seien auslesbar.

Aktuelle Urteile zum PoliScan Speed

Die Gerichte bestätigen den PoliScan weitgehend als zuverlässig, doch Detailfragen zu Rohmessdaten bleiben umstritten. Hier die wichtigsten Entscheidungen:

  • BVerfG (21.06.2023): Das Bundesverfassungsgericht entschied, dass es verfassungsrechtlich okay ist, wenn Geräte keine Rohmessdaten speichern. Es gibt keinen Anspruch auf "Schaffung von Beweismitteln".
  • KG Berlin (08.12.2023): Bestätigte erneut den Status als standardisiertes Messverfahren. Fehlende Rohdaten führen nicht zur Unverwertbarkeit.
  • OLG Düsseldorf (31.10.2022): Auch hier: Die Messergebnisse des PoliScan M1 HP sind verwertbar, auch ohne gespeicherte Rohdaten.
  • BayObLG (04.01.2021): Ein kleiner Erfolg für Autofahrer: Wenn Rohmessdaten existieren (auch außerhalb der Akte), muss die Behörde Einsicht gewähren.

Fazit: Die Rechtsprechung ist streng, aber nicht hoffnungslos. Gerade formale Fehler (Eichung, Akteneinsicht, Schulung der Beamten) bieten oft bessere Chancen als der Angriff auf die Messtechnik selbst.

Häufige Fragen zum PoliScan Speed

Der PoliScan Speed (oft als graue Säule sichtbar) nutzt die LiDAR-Technologie. Dabei tasten unsichtbare Laserpulse die Fahrbahn fächerförmig ab. Das System erstellt ein 3D-Modell der Verkehrssituation und kann so Position und Geschwindigkeit mehrerer Fahrzeuge gleichzeitig berechnen.

Die Anzahl der schwarzen Module ("Ringe") verrät oft den Funktionsumfang der Säule:
  • 3 Ringe: Diese Variante wird häufig an Kreuzungen oder mehrspurigen Straßen eingesetzt. Sie kann meist mehrere Fahrspuren gleichzeitig überwachen und oft auch Rotlichtverstöße dokumentieren.
  • 4 Ringe: Hier ist Vorsicht geboten! Säulen mit 4 Ringen sind technisch oft in der Lage, den Verkehr in beide Fahrtrichtungen zu blitzen oder besonders komplexe Kreuzungssituationen (Tempo + Rotlicht) abzudecken.

Ja, das ist technisch möglich. Insbesondere die stationären Säulen mit 4 Ringen sind oft für die beidseitige Erfassung (Front- und Heckmessung) ausgelegt. Mobile Geräte ("Enforcement Trailer") messen dagegen meist nur in eine Richtung (abfließender oder ankommender Verkehr).

Ein häufiger Streitpunkt ist die Fahrzeugzuordnung: Wenn mehrere Autos im Erfassungsbereich sind (z.B. beim Überholen oder im dichten Kolonnenverkehr), kann der Auswerterahmen auf dem Foto falsch gesetzt sein. Auch eine fehlerhafte Ausrichtung des Geräts (Winkel zur Fahrbahn) oder eine abgelaufene Eichung können die Messung ungültig machen.

Da es oft um technische Details (Auswerterahmen, Rohmessdaten, Schulungsnachweise der Beamten) geht, haben Einsprüche durchaus Erfolgschancen. Besonders wenn Punkte oder ein Fahrverbot drohen, sollten Sie die Messakte von einem Fachanwalt prüfen lassen. Nutzen Sie dafür unseren kostenlosen Blitzer-Check.


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