Speedweek 2026 im Faktencheck: Haben die vielen Blitzer Autofahrer wirklich gebremst?

Oliver Godolt, Fachredakteur für Verkehrsrecht bei Blitzerkatalog.org
Oliver Godolt Fachredakteur für Verkehrsrecht

Neue TomTom-Daten und Polizeibilanzen zeigen, wie sich Geschwindigkeiten während der August-Speedweek verändert haben – und warum die Wirkung trotzdem nicht bewiesen ist.

Mobile Geschwindigkeitskontrolle während der Speedweek auf einer deutschen Autobahn

Speedweek 2026: Was die neuen Daten zeigen

  • Aktionswoche: Die zweite ROADPOL-Operation Speed des Jahres lief vom 3. bis 9. August 2026.
  • TomTom-Auswertung: In mehreren teilnehmenden Großstädten gingen Geschwindigkeiten zumindest zeitweise zurück – besonders auffällig bei den schnellsten Verkehrsteilnehmern auf Autobahnabschnitten.
  • Kein Beweis: TomTom weist selbst darauf hin, dass Baustellen, Ferienverkehr, Staus und andere lokale Effekte die Werte beeinflussen können.
  • Schleswig-Holstein: Dort wurden 14.868 Geschwindigkeitsverstöße festgestellt – deutlich weniger als die 23.121 Verstöße bei der August-Speedweek 2025.

Hat die Speedweek 2026 Autofahrer tatsächlich zum Langsamfahren gebracht? Nach dem Ende der europaweiten Kontrollwoche gibt es erstmals Daten, die über die reine Zahl geblitzter Fahrzeuge hinausgehen. Eine Auswertung des Verkehrsdatenanbieters TomTom deutet darauf hin, dass sich die verstärkten Kontrollen in mehreren Städten vor allem bei besonders hohen Geschwindigkeiten bemerkbar gemacht haben könnten.

Das ist eine interessante Ergänzung zur klassischen Polizeibilanz. Denn die Zahl der festgestellten Verstöße allein sagt noch nicht, ob Menschen während einer Blitzerwoche vorsichtiger fahren. Entscheidend ist auch, wie viele Fahrzeuge unterwegs waren, wie intensiv kontrolliert wurde und ob sich das tatsächliche Geschwindigkeitsniveau verändert hat.

Die zweite ROADPOL-Operation Speed des Jahres lief offiziell vom 3. bis 9. August 2026. Einen Überblick über die teilnehmenden Bundesländer hatten wir bereits vor Beginn der Aktion in unserem Beitrag zur Speedweek im August 2026 veröffentlicht.

TomTom vergleicht Speedweek mit normalen Juli-Werktagen

Für die aktuelle Auswertung wurden laut einer von dpa veröffentlichten TomTom-Analyse die Geschwindigkeiten in Berlin, Bremen, Frankfurt am Main, Hamburg, Hannover und Stuttgart während der Werktage der Speedweek mit normalen Werktagen im Juli verglichen. Zusätzlich wurden München und Leipzig betrachtet, wo die August-Speedweek nicht stattfand.

Ein vollkommen einheitliches Bild ergab sich nicht. In Bremen, Frankfurt und Hannover lagen die ermittelten Durchschnittsgeschwindigkeiten während der Aktionswoche über weite Teile der betrachteten Tage unter den Vergleichswerten aus dem Juli. Besonders auffällig waren laut Auswertung einzelne Autobahnabschnitte.

Noch interessanter ist aber der Blick auf die besonders schnellen Fahrzeuge: Bei den sogenannten 90. und 95. Perzentilen zeigten sich unter anderem auf Autobahnen in Stuttgart, Bremen, Hannover, Frankfurt und Hamburg Rückgänge.

Was bedeutet das 95. Perzentil?

Das 95. Perzentil ist vereinfacht der Geschwindigkeitswert, den 95 Prozent der erfassten Fahrzeuge nicht überschreiten. Nur die schnellsten fünf Prozent liegen darüber. Sinkt dieser Wert, kann das darauf hindeuten, dass gerade die besonders schnell fahrenden Verkehrsteilnehmer ihr Tempo reduziert haben.

Gerade die schnellen Fahrer könnten reagiert haben

Genau darin liegt die spannendste Aussage der neuen Daten. Eine Blitzerwoche muss nicht zwangsläufig den gesamten Verkehrsfluss deutlich verlangsamen, um eine Wirkung zu entfalten. Wenn sich vor allem das obere Ende der Geschwindigkeitsverteilung verschiebt, wären ausgerechnet jene Fahrer betroffen, bei denen Geschwindigkeitsüberschreitungen besonders wahrscheinlich sind.

TomTom formuliert diesen Zusammenhang allerdings vorsichtig. Dass sich auf einzelnen Strecken die hohen Geschwindigkeiten reduzierten, obwohl die Verkehrsdichte dort weitgehend stabil blieb, passe zu der Annahme, dass verstärkte Kontrollen besonders schnelle Fahrer beeinflusst haben könnten. Ein ursächlicher Beweis ist das nicht.

München und Leipzig liefern einen interessanten Vergleich

Als Vergleich wurden auch München und Leipzig ausgewertet. Dort fand die August-Speedweek nicht statt. In München stieg die durchschnittliche Geschwindigkeit im Vergleich zum Juli sogar an. Als mögliche Erklärung nennt die Auswertung den Beginn der Sommerferien und den dadurch veränderten Verkehrsfluss. In Leipzig blieb die Entwicklung weitgehend unverändert.

Dieser Vergleich macht die TomTom-Daten interessanter, ersetzt aber keine wissenschaftliche Kontrollstudie. Städte unterscheiden sich bei Ferienzeiten, Baustellen, Verkehrsdichte, Wetter und Streckenführung. Deshalb lässt sich aus zwei Vergleichsstädten nicht ableiten, wie sich die teilnehmenden Städte ohne Speedweek entwickelt hätten.

Schleswig-Holstein: Rund 36 Prozent weniger Verstöße als 2025

Eine besonders greifbare Bilanz kommt aus Schleswig-Holstein. Dort stellte die Landespolizei während der Speedweek vom 3. bis 9. August insgesamt 14.868 Geschwindigkeitsverstöße fest. Davon wurden 12.914 automatisiert erfasst; weitere 1.954 Fahrerinnen und Fahrer wurden im Rahmen persönlicher Kontrollen festgestellt.

Bei der vergleichbaren August-Aktion 2025 waren es noch 23.121 Verstöße. Rechnerisch entspricht das einem Rückgang von rund 35,7 Prozent.

Speedweek Schleswig-Holstein Geschwindigkeitsverstöße Veränderung
August 2025 23.121
August 2026 14.868 −35,7 %

Auch diese Zahl darf jedoch nicht überinterpretiert werden. Nach Angaben des Innenministeriums wurde 2026 insgesamt ein geringerer Verkehrsfluss festgestellt. Eine niedrigere absolute Zahl geblitzter Fahrzeuge ist deshalb nicht automatisch gleichbedeutend mit einer um 35,7 Prozent besseren Regeltreue. Dafür müsste man unter anderem wissen, wie viele Fahrzeuge die Messstellen tatsächlich passierten und wie hoch die jeweilige Beanstandungsquote war.

Warum reine Blitzerzahlen die Wirkung nicht beweisen

Bei der Bewertung von Kontrollwochen werden häufig nur die festgestellten Verstöße miteinander verglichen. Das kann täuschen. Werden in einem Jahr mehr Fahrzeuge gemessen, mehr Messgeräte eingesetzt oder andere Strecken kontrolliert, kann die Zahl der Verstöße steigen, obwohl sich der Anteil der zu schnellen Fahrzeuge kaum verändert hat.

Aussagekräftiger sind deshalb Kombinationen aus mehreren Kennzahlen:

  • Beanstandungsquote: Wie viele der gemessenen Fahrzeuge waren tatsächlich zu schnell?
  • Geschwindigkeitsverteilung: Verändert sich nicht nur der Durchschnitt, sondern auch das Tempo der schnellsten Fahrzeuge?
  • Vergleichszeiträume: Wie sehen dieselben Strecken an normalen Tagen aus?
  • Verkehrsmenge: Waren während der Kontrollwoche ähnlich viele Fahrzeuge unterwegs?
  • Langzeiteffekt: Bleibt ein möglicher Effekt auch nach Ende der angekündigten Kontrollen bestehen?

Faktencheck: Hat die Speedweek 2026 funktioniert?

Die derzeit verfügbaren Daten rechtfertigen weder ein klares „Ja“ noch ein „Nein“. Für einen flächendeckenden Nachweis, dass die Speedweek den Verkehr insgesamt langsamer gemacht hat, reichen die Daten nicht aus. Dafür sind die lokalen Einflüsse zu groß und eine bundesweit einheitliche Auswertung fehlt.

Es gibt aber einen bemerkenswerten Hinweis: In mehreren teilnehmenden Städten gingen laut TomTom gerade jene Geschwindigkeitswerte zurück, die nur von den schnellsten fünf beziehungsweise zehn Prozent der Fahrzeuge überschritten werden. Wenn sich dieser Effekt in weiteren Auswertungen bestätigt, wäre das für die Verkehrssicherheit relevanter als eine minimale Veränderung des Durchschnittstempos.

Die eigentliche Antwort liefert erst der Vergleich nach der Speedweek

Ob die Aktionswoche mehr als einen kurzfristigen Ankündigungseffekt erzeugt, lässt sich erst mit weiteren Daten beantworten. Besonders interessant wäre ein Vergleich derselben Straßenabschnitte in den Wochen nach dem 9. August: Steigen die hohen Perzentilwerte unmittelbar wieder auf das Juli-Niveau, spräche das eher für einen kurzfristigen Effekt. Bleiben sie niedriger, wäre das ein deutlich stärkeres Indiz für eine nachhaltige Verhaltensänderung.

Für die Speedweek 2026 fällt die Zwischenbilanz deshalb differenziert aus: Die Kontrollen haben den Verkehr nicht nachweislich überall langsamer gemacht. Es gibt aber konkrete Hinweise darauf, dass gerade besonders schnelle Fahrer auf mehreren Autobahnabschnitten reagiert haben könnten.

Verkehrsmagazin: Aktuelle Berichte & Urteile